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Anfang der 60'er - in "West-Berlin"
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Harald Muranka
Aufgewachsen in Berlin |
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„Kommste mit ins PANJE ?“, fragt mich Willi aus dem Hinterhaus. „Nee, ick habe meinen Fuffziger Taschengeld doch schon für meen Renner ausjejeben“, lautet meine bedauernde Antwort. Wie gerne wäre ich mit Willi ins Kino an der Baerwaldbrücke gegangen, jenem kleinen Lichtspielhaus mit den unbequemen Holzstühlen und dem Einheitseintrittspreis von fünfzig Pfennig pro Nase. Aber Nachschlag in Sachen Taschengeld ist im Berlin der fünfziger Jahre für mich und die meisten meiner Freunde einfach nicht drin. Und der Kauf des silbernen Rennautos war nun mal wichtiger gewesen, als alles andere. Die Unterseite mit Blei ausgegossen oder mit Knete gefüllt, lieferten sich diese kleinen Flitzer mit der Hand geschickt geschoben unten auf der glatt asphaltierten Dieffenbachstraße erbitterte Autorennen. Der Parcours wurde mit Kreide auf die Fahrbahn gemalt, denn richtige Autos, die das Rennen hätten stören können, gab es eher selten. „Na, jut, denn jeh’n wa eben in’ Böcklerpark, Tischtennis spielen!“.
Ich bin zehn, wir schreiben das Jahr 1954, und Deutschland ist gerade Fußballweltmeister geworden. Keiner in unserem Mietshaus hat zu dieser Zeit einen Fernsehapparat, und so sind es die redestarken Rundfunkreporter, die uns an diesem historischen Sportereignis teilhaben lassen. Extra für dieses Endspiel hatte der Vater den alten Volksempfänger im Bakkalitmantel gegen einen „Nordmende“ mit magischem Auge ausgetauscht, ein finanzieller Kraftakt bei seinem kleinen Gehalt. |
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Später erst erfährt man, dass dieser Sieg über die Ungarn wohl den nationalen Nerv getroffen haben soll. Ich jedenfalls bin lieber mit Willi Tischtennis spielen gegangen...
Ja, ich wachse im Nachkriegsberlin auf, im Kreuzberger Kiez am Urbankrankenhaus. Dort, wo die Dieffenbachstraße zu Ende ist und rechts um die stumpfe Ecke auf das Planufer trifft, steht eine herrliche Ruine, das „Ausjebrannte“. Für uns Jungs ein herrlicher, aber nicht ungefährlicher Abenteuerspielplatz. Nicht nur in Kreuzberg gibt es noch neun Jahre nach dem Krieg etliche solcher Ruinen, einsturzgefährdete, zerbombte Häuser und Trümmerberge. Auch der tägliche Weg zur Grundschule in die Wilmsstraße führt am Torso der Phillipp-Melanchthon-Kirche vorbei, die wir Kinder Gott verzeih uns schon systematisch ausgeschlachtet hatten. Die Orgelpfeifen sind Spielzeug und begehrtes Buntmetall zugleich, das unser Taschengeld auffrischt. Irgendwann ist die rote Backsteinkirche dann später vollends abgerissen worden, weil sie, zusammen mit dem großen Sportplatz, dem Neubau des Urbankrankenhauses weichen musste. Diesen Sommer 1954 verbringen wir Kreuzberger Jungs unsere großen Ferien in den sog. „Ferienspielen“. Vom Jugendamt organisiert und betreut, geht es jeden Morgen per BVG-Sonderbus oder U-Bahn hinaus nach Wannsee oder Krumme Lanke in die Zeltlager. Mit Spiel, Spaß und fast kostenfreier Verpflegung vergehen die Tage und die Eltern sind endlich mal entlastet. „Pack’ die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein, und dann nischt wie raus zum Wannsee...“, singt die kleine Cornelia und trifft damit absolut den Zeitgeist. Im Herbst ’54 wird am Blücherplatz die Amerika-Gedenkbibliothek eröffnet, und wir sitzen im Wohnzimmer an unserem neuen „Nordmende“ und lauschen der Eröffnungsrede vom Regierenden Bürger-meister Walther Schreiber: Die Bibliothek sei ein Symbol der deutsch-amerikanischen Freundschaft seit den Tagen der Blockade 1948/49. Den kleinen Viertklässler aber interessiert dann doch mehr die nachfolgende Sendung im RIAS, die „Schlager der Woche“ mit Fred Ignor Wie überhaupt das Radio die Familie vereint! Bei den beliebten Hörspielen wie „Es geschah in Berlin“, oder den bunten Sendungen von Ivo Feith „Mach mit“ und die „RIAS-Kaffeetafel“ sitzen Eltern und Kinder einträchtig im Wohnzimmer beieinander. Die große Schwester repariert während dieser Sendungen mit unendlicher Geduld die Laufmaschen ihrer ersten teuren Nylonstrümpfe mit dem Aufnehmer. Und immer dann, wenn es wieder „Die Insulaner“ gibt, freut sich der Vater, wobei an einem solchen Sonnabend bei Pollowetzer, dem Funktionär und den Damen vom Kurfürstendamm auch schon mal ein halbes Fläschchen Dujardin draufgeht... Der darauf folgende Sonntagmorgen aber gehört eindeutig uns Kindern, denn Punkt zehn kommt unser heißgeliebter Onkel Tobias vom RIAS mit seinem RIAS-Kinderchor zu uns („...er bringt uns zum Lachen, will Freude uns machen, erzählen und spielen und singen!“). Fritz Genschow war Onkel Tobias. Im „Palladium“ in der Baerwaldstraße gibt es „Die Brücke am Kwai“, und es gilt abzuwägen, ob man nicht für den Eintrittspreis von achtzig Pfennig doch lieber ein Bambi-Rad für eine Stunde ausleiht, oder ins alte Baerwaldbad zum Schwimmen geht. Eine echte Preisalternative ist auch das Kino an der Boppstraße/Ecke Kottbusser Damm, wo man für die Hälfte den Film im Spiegelsaal seitenverkehrt sehen kann. Das sind die schwierigen Entscheidungen eines inzwischen Zwölfjährigen, dessen Taschengeld leider niemals reicht. Wie gut, dass es hierbei den Freunden kaum anders geht. So sind es denn auch eher die kostenlosen Aktivitäten, die unseren kindlichen Alltag bestimmen: Im Nachbarschaftsheim in der Urbanstraße trifft man sich regelmäßig zum Monopoly- oder Tischtennis spielen, ein engagierter Tischlermeister bietet unten im Keller ehrenamtlich die begehrten Bastelkurse an. Bei ihm lernen wir den unfallfreien Umgang mit Sperrholz und Laubsäge, und bei den weihnachtlichen Krippenspielen oben im großen Saal ernte ich meinen ersten Applaus für meine offensichtlich hübsch vorgetragenen Lieder auf der neuen Ziehharmonika. Mit vierzehn ist man schon ein bisschen „halbstark“. Die amerikanische Musik bestimmt mehr und mehr unseren Geschmack und verdrängt Freddy Quinn, Catherina Valente und Bully Buhlan auf die hinteren Plätze. 1958 kommt Bill Haley nach Berlin in die Schöneberger Potsdamer Straße und gibt dort sein legendäres Konzert, bei dem der gesamte Sportpalast zertrümmert wird. Nein, ich war nicht dabei, denn niemals hätte es Vater erlaubt, für diese „Hottentottenmusik“ auch nur eine Mark auszugeben. Was für eine Zeiterscheinung! Die Sportbegeisterten aber feiern den neuen Box-Europameister, unseren „Bubi“ Scholz, der im Olympiastadion gegen Charles Humez klar gewinnt. Die spannende Übertragung des Kampfes hören wir im RIAS na, wo wohl? am „Nordmende“ mit dem magischen Auge. Der Radius unserer obligaten sonntäglichen Familienausflüge erweitert sich in diesem Jahr und geht über Jahnpark und Kreuzberg hinaus, denn das allgemeine Interesse gilt nun der „Internationalen Bauausstellung“ im Hansaviertel. Durch die Errichtung von mehr als 1200 neuer Wohnungen wird endlich die große Wohnungsnot der Nachkriegsjahre gemildert, und so zieht die Bauausstellung natürlich uns Berliner wie auch Tausende ausländischer Besucher magisch an. Eine extra hierfür errichtete Sesselschwebebahn gestattet den Blick auf das gigantische Bauvorhaben an der Siegessäule. Ach, könnten wir uns doch auch solch eine schicke Neubauwohnung leisten mit Einbauküche, Bad, Balkon und moderner Waschküche! Für Mutter wäre dann endlich Schluss mit der drei Tage dauernden „Großen Wäsche“. Denn noch immer bestimmt so ein Waschtag wesentlich den Zeitplan einer Hausfrau, selbst wenn die Kinder, so gut es eben geht, helfen. Das mühevolle Ritual wiederholt sich ja jeden Monat: Zunächst müssen die schmutzigen Wäscheberge einer fünfköpfigen Familie nach oben zur Waschküche unterm Dach geschleppt werden. Auf einem von Seifenlauge ausgebleichten, hölzernen Dreibein steht die große Zinkwanne. In SIL wird die Wäsche eingeweicht, gekocht und auf dem Waschbrett per Hand geschrubbt. Dem Spülgang folgt dann das Aufhängen auf dem Trockenboden, auf dem die Wäscheleinen kreuz und quer gespannt sind. Wie oft habe ich bei dieser Gelegenheit, auf einer Kiste stehend, den Kopf aus einer der Dachluken gesteckt, um weit über die Dächer der Dieffenbachstraße zu blicken, hinunter auf den Hof zu spucken, oder die Tauben von der Dachrinne zu scheuchen. Zum krönenden Finale einer „Großen Wäsche“ gehört auch stets der Weg zur Grimmstraße. Hier, im Hinterzimmer der Drogerie Rötlich, steht die elektrische Wäscherolle, mit deren Hilfe sämtliches Leinen- und Weißzeug geplättet wird, bevor es endlich wieder frisch und sauber in den Schrank zurück darf. „Lauf’ noch schnell zum Tabakladen und hol’ für Papa eine Schachtel Zuban“, sagt Mutter dann immer, und ich freue mich, weil ich wieder, ein neues Zigarettenschachtel-Deckblatt zum Pokerspielen bekommen würde ein beliebtes, weil kostenloses Kartenspiel, bei dem es gilt, zunächst recht viele Zigarettenschachteln unterschiedlicher Marken wie möglich im Freundes- und Verwandtenkreis zu schnorren, was nicht besonders schwierig ist, denn Ende der Fünfziger raucht ja schon beinahe jeder, der eine Zigarette halten kann und über achtzehn ist (die Kinostars machen es uns doch vor!). Die sorgfältig abgetrennten Deckblätter der Zigarettenschachteln geben dann unsere Pokerkarten ab. In der Hosentasche meiner kurzen Lederhose habe ich natürlich immer einen Stapel dieser Zigarettenkarten dabei und bin somit jederzeit zu einem Spiel bereit. Auch jetzt, als mein Freund Günter mich zum Pokern auffordert. Also los: Pall Mall auf die blaue Players, die Lucky Strike fällt auf die Peer und der Stapel wächst. Jetzt wird eine Juno abgeschmissen. Ich kontere mit der hellblauen Virginia, Günter wirft lässig eine Overstolz auf den Haufen, ich eine seltene Zuban. Und da ist es schon passiert! Günter besitzt doch tatsächlich auch ’ne Zuban, legt diese triumphierend auf meine, Stich für ihn, und damit habe ich leider meinen Karteneinsatz verloren. Zum Trost darf ich mir Günters neues Akim-Heft ausleihen, eines dieser kleinen schmalen Comic-Hefte, billiger als die „Micky Maus“, die immerhin die Unsumme von fünfundsiebzig Pfennig kostet und oftmals nur über den Weg gegenseitigen Tauschens zu bekommen ist. Es sei denn, es kommt Besuch. Dann gibt’s berechtigte Hoffnung auf eine nagelneue, ungelesene Micky Maus als Mitbringsel. Gastfreundschaft wird groß geschrieben, denn obwohl wir selbst nur Sanella aufs Schulbrot kriegen, schickt uns die Mutter dann „hintenrum“ zu Thiel, jenem kleinen Lebensmittelgeschäft im Souterrain des Hauses Dieffenbachstraße 73, um extra für den Gast ein Viertel „gute Butter“ zu kaufen. „Und lass’ es anschreiben, Junge!“ 1960 bin ich sechzehn und ganz dünn! Die ersten „Wienerwald“-Restaurants breiten sich im Berliner Stadtbild aus und bieten leckere halbe Hähnchen für zwei Mark fuffzich an, aber die gute alte Curry kostet noch immer sechzig Pfennig. Die politischen Hintergründe des sog. „Kalten Krieges“, in dem wir Westberliner aufwachsen, sind sicher an anderer Stelle bereits ausführlicher und kompetenter beschrieben worden, aber dennoch begleiten sie latent natürlich auch meinen Tagesablauf. So wird es 1960 spürbar schwieriger, im „Osten“ einfach mal „für’n Fuffziger“ zum Haareschneiden zu gehen oder preiswert die Schuhe besohlen zu lassen. In den Wechselstuben tauscht man eine Westmark für vier bis fünf Ostmark, und so kann man „drüben“ durchaus günstig den Lebensmittelbedarf der ganzen Familie decken. Über die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Einkaufsfahrten für die Ostberliner Bevölkerung machen wir uns natürlich keine Gedanken. Das Passieren der (noch!) unbefestigten innerberliner Grenze z. B. an der Dresdner-, der Mariannen- oder der Adalbertstraße ist zwar weiterhin möglich, jedoch muss man sich mehr und mehr Taschenkontrollen gefallen lassen. Das Einkaufen in Ostberlin wird ohnehin schon bald unterbunden, weil man auch bereits beim Kauf einer einzigen „OBOWU“ (Ostbockwurst) seinen Personalausweis unaufgefordert vorzulegen hat. Zudem ist in den Herzen der Westberliner inzwischen längst schon ein einfaches und klares Schwarz-Weiß-Weltbild entstanden: Die Amis, das sind „die Guten“, sie sind unser Vorbild, unsere Freunde, unser Heil und Segen die „Sowjets“ andererseits und ihre „roten Handlanger in Pankow“ aber „...knechten siebzehn Millionen deutsche Brüder und Schwestern durch den bolschewistischen Imperialismus und verhindern die Wiedervereinigung Deutschlands“ sagt doch auch unbeirrt unser Bundeskanzler Konrad Adenauer. Na, ist doch klar, dass ich mich da auf der richtigen Seite weiß. „Here is the American Forces Network Europe“, tönt es jeden Tag Punkt siebzehn Uhr aus dem Nordmende. Die tägliche Sendung „Frolic at Fife“ im AFN hat in der Tat meine Musikleidenschaft für alle Zeiten beeinflusst. Ach, hätte es doch damals schon Kassettenrecorder gegeben! Wir hätten uns den Kauf der teuren 45er-Vinylplatten ersparen können. So aber opfern wir in immer kürzeren Abständen unser schmales Lehrlingsgeld für die wahnsinnigen ersten Elvis-Songs „That’s allright, Mama“, „Tutti Frutti“, „Jailhouse Rock“ oder „Love me tender“. Die Toleranzgrenze der Eltern, insbesondere des Vaters, wird hierbei immer wieder auf die Probe gestellt, denn für sie ist Elvis kein Sänger, sondern eine „Heulboje“. Und dieses vernichtende Urteil gilt auch den Platten von Bill Haley, Little Richard, Fats Domino, Cliff Richard und den Shadows, den Everly Brothers, für die wir allerdings gern die vier Mark pro Platte hinlegen. Wenigstens sind die Singles von beiden Seiten bespielbar, und manchmal ist die B-Seite sogar der größere Hit. Da ist es doch verständlich, wenn ein Jugendlicher jener Zeit seine Vorbilder in der Welt dieser amerikanischen Superstars sucht eine Gitarre muss her! Abgesehen davon, dass sich „Rock around the clock“, auf einer Hohner-Ziehharmonika gespielt, nicht sonderlich toll anhört, bietet eine Schlaggitarre Anfang der Sechziger zwei entscheidende Vorteile: Zum einen lassen sich fast alle gängigen Titel bereits mit nur drei Akkorden begleiten, und zweitens werden die ersten schüchternen, pubertären Annäherungs-versuche bei den Mädels erheblich begünstigt, wenn man, mit der Gitarre im Anschlag, einen Hüftschwung wie der leibhaftige Elvis hinkriegt. Ich weiß, wovon ich rede! Wenigstens vorn die „Tolle“ und hinten die „Ente“ mit BRISK oder FIT gleich für mehrere Tage unzerstörbar in Form gehalten gibt uns die Illusion, ein Elvis zu sein. Meine Gitarre ist eine Sorella von Framus, mit elektrischem Tonabnehmer, angespart vom mageren Lehrlingsgeld und bei Musik-Bading, Karl-Marx-Straße, erstanden. Im Kreuzberger Jugendheim Böcklerpark treffen wir uns nun nicht mehr nur zum Tischtennis- oder Monopolyspielen, sondern auch, um uns gegenseitig die aktuellen Gitarrenakkorde beizubringen. Die ersten Skiffle-Groups werden gegründet, meist mit folgender Besetzung: Fünf Gitarren und ein Waschbrett. Fünf Gitarren? Nun, der Dynacord-Röhrenverstärker hat doch fünf Gitarren-eingänge... Schrummel-schrummel-schrummel Ice-Cream, Juice-Cream, everybody likes Ice-Cream, Rock, oh, rock my baby, roll… Ich bin Schriftsetzerlehrling im zweiten Lehrjahr, als am 13. August 1961, einem Sonntag, die Sektorengrenzen nach Westberlin abgeriegelt werden. Am darauffolgenden Arbeitstag fehlen dann auch prompt zwei unserer Kollegen aus dem Ostsektor, die als sog. Grenzgänger im Westen ihr Geld verdient haben. Schon kurz darauf wird auf Ostberliner Seite damit begonnen, die provisorischen Stacheldrahtsperren durch eine Mauer zu ersetzen. Wir Westberliner schauen hilflos zu, wie diese Mauer im Laufe der nächsten Zeit immer höher wächst bis zu vier Meter hoch ! und immer länger wird, bis sie ganz Westberlin auf einer Länge von 155 Kilometern vom Ostteil abgeschnitten hat. Meine Berufsschule für das Graphische Gewerbe befindet sich plötzlich direkt an dieser Grenzmauer, die die Kreuzberger Mariannenstraße jetzt zur Sackgasse macht. Oft fahren hier auf Ostberliner Seite große Lautsprecherwagen vor die Mauer und stören mit den bekannten ideologischen SED-Phrasen in ohrenbetäubender Lautstärke unseren Schulunterricht, der deswegen nicht selten abgebrochen werden muss! In allen Stadtteilen versuchen die Menschen unter Lebensgefahr, letzte Fluchtmöglichkeiten in den Westen zu nutzen. Kein Tag, an dem unsere Familienzeitung „Der Abend“ nicht von einem neuen Zwischenfall an der Grenze berichtet. Natürlich lasse auch ich mich von der allgemeinen Empörung anstecken und nehme sogar an der Protestkundgebung gegen den Mauerbau vor’m Schöneberger Rathaus teil, auf der der „Regierende“ Willy Brandt an die Grenzorgane der DDR appelliert: „Schießt nicht auf eure Landsleute!“ Und doch ist die große Politik für einen 17-jährigen nicht halb so wichtig wie z. B. das „Atelier 13“ in der Neuköllner Bürknerstraße. Denn hier spielt die Rock’n’Roll-Band „Dob Dobberstein and his five Dobs“ was für eine Band! Oh, wie leuchten da unsere ersten weißen Nyltesthemden so schön blau unter den Schwarzlichtlampen rund um die Tanzfläche und die Zähne auch... Aber wir gehen auch gern in die senatseigenen Jugendclubs „Dachluke“ (Kreuzberg), „Jazz-Saloon“ (Steglitz) oder „Swingpoint“ (Spandau), in denen tolle Bands auftreten, und wo Nero Brandenburg seine ersten Gehversuche als Disc-Jockey und Moderator macht. In Neukölln und Kreuzberg sind die Kinos wie Pilze aus dem Boden geschossen: Das ROXY und der Europa Palast in der Hermannstraße und das STERN-Kino gegenüber. Im Rollkrug spielen sie „Liane das Mädchen aus dem Urwald“, ein toller Film, in dem wir Jungs erregt die halb entblößte Brust von Marion Michael zu sehen bekommen. Im BBB Berliner Bunte Bühne am Kottbusser Tor staunen wir über die Wasserorgel, eine echte Attraktion vor jeder Vorstellung. Im Primus Palast in der Hasenheide laufen die besten Westernfilme in CinemaScope, und die „FOX Tönende Wochenschau“ bringt uns das aktuelle Weltgeschehen vor jedem Hauptfilm direkt in den Kinosessel eine wichtige Informationsquelle, denn noch steht längst nicht in allen Haushalten ein Fernsehgerät. Im Juni 1963 kommt der amerikanische Präsident nach Berlin, in der Zeit des Kalten Krieges ein wichtiges Zeichen! Unser Meister hat uns extra für diesen Tag frei gegeben, und so stehe ich in meiner Moltopren-Jacke mit 400.000 Berlinern dichtgedrängt vor dem Schöneberger Rathaus und lausche ergriffen der Rede John F. Kennedys, die mit den historischen Worten endet: „...ick been ayn Bearlinna!“ Ja, wirklich, dieser Mann hat uns damals Mut gemacht! Mit achtzehn und einem noch druckfrischen, hart erkämpften Führerschein in der Tasche ist man 1963 endlich erwachsen, obwohl ja die juristische Volljährigkeit erst mit dem 21. Lebensjahr beginnt. Spätestens aber stolz hinter dem Steuer meines allerersten blauen VW-Käfers, für achtzehnhundert Mark gebraucht erstanden, fühle ich mich absolut volljährig. Übrigens: Es waren natürlich die tollen Weißwandreifen, die den Käferkauf entscheidend beeinflusst hatten... An so manchem Wochenende geht es jetzt motorisiert über die Transitstrecken nach Westdeutschland. Ungeachtet der stundenlangen Wartezeiten an den streng bewachten Grenzkontrollstellen der DDR in Dreilinden, Marienborn/Helmstedt oder Rudolphstein/Hirschberg freut sich der eingeschlossene Westberliner trotzdem jedes Mal auf einen solchen Kurztrip über die holperige Autobahn allerdings nur mit Einheitstempo 100! Nur in den Norden, z. B. nach Hamburg, geht es am Übergang Heerstraße über die alte „B5“, einer schmalen Landstraße, die hautnah durch die DDR-Dörfer führt, ein besonders ergiebiger Jagdgrund für die vielen versteckten VoPo-Blitzer, denn hier fährt man sowieso immer zu schnell, wetten? Wir erinnern uns: „Gänse-fleisch mal’n Goffaraum uffmachen?“. „Führ’n Se Waffen oder bürodechnische Ardikel mit?“ „Machense mal des reschte Oah frei!“. Die derartig stereotype Kommunikation mit der DDR-Staatsmacht ist dann auch stets Quell reinster Freude, und doch ist man ängstlich bemüht, kein falsches Wort zu sagen. Günstigenfalls riskiert man doppelt so lange Wartezeiten oder Schlimmeres. 1963 gründe ich meine eigene 4-Mann-Rock’-n’-Roll-Band „The Sharks“, und bald schon sind wir die „Hausband“ in den drei bereits erwähnten Jugendclubs. An einem Freitag im November daran erinnere ich mich genau stehen wir auf der Bühne der überfüllten „Dachluke“. Und plötzlich, gegen 22:00 Uhr, müssen wir den Tanzabend sofort abbrechen. Der Grund ist die erschütternde Nachricht vom Attentat auf John F. Kennedy, der ja gerade mal fünf Monate zuvor bei seinem Berlinbesuch die Herzen der Berliner im Sturm erobert hatte. In einer nicht organisierten, spontanen Trauerdemo strömen wir zum Ernst-Reuter-Platz und bekunden so unsere Solidarität mit unseren amerikanischen Freunden. Alle auch die Unpolitischen stellen sich die bange Frage: „Wie geht es jetzt weiter mit unserem Berlin?“. Aber natürlich geht es weiter! Und wie! Im „Casaleon“ in der Hasenheide spielt die schwedische Gitarrenband „The Spotnicks“, und wir verpassen uns anschließend in der „Neuen Welt“ und im „Klosterkeller“, Graefestraße, unseren ersten Vollrausch beim Bockbierfest... Beinahe in allen Eckkneipen Berlins spielen jetzt an den Wochenenden Berliner Beatbands, und die haben so tolle Namen wie „Edgar and the Breathless“, „Drafi-Deutscher-Combo“, „The Lords“, „Didi and his ABC-Boys“, „The Gloomys“, „The Mysteries“, „Addi Jet and the Jetniks“, „Jacky and the Strangers“, „The Boots“ usw., usw… Und was hat diesen Band-Boom ausgelöst? Nicht mehr nur allein die amerikanischen Vorbilder, nein, es sind nun die englischen Gruppen, die in den frühen Sechzigern die Musikszene beherrschen. Allen voran eine Band aus Liverpool mit langen Haaren und einem völlig neuen Musikstil: THE BEATLES. „I wonna hold your hand“ im Repertoire zu haben, ist natürlich für jede Berliner Band Ehrensache! Aber auch aus unseren eigenen Reihen kommen die Stars: Manuela aus dem Wedding („Schuld war nur der Bossa Nova“), Drafi Deutscher aus Marienfelde (Marmor, Stein und Eisen bricht“), Gerd Böttcher („Für Gabi tu ich alles“), Tom Schütt und Frank Zander aus Neukölln und viele andere. Bis heute sind ihre Titel unvergessen, und der eine oder andere ist ja heute noch immer aktiv. Mit dem Jahr 1964 endet nun mein ganz persönlicher 10-Jahres-Rückblick, jedoch nicht, ohne dass ich noch einmal mit Willi aus fernen Kindertagen sozusagen gedanklich in die Deutschlandhalle zum 52. Berliner Sechstagerennen gehe. Wir sind selbstverständlich dabei, als Klaus Bugdahl und Siegfried Renz im Oktober ’64 das Ding nach Hause schaukeln. Und begeistert pfeifen wir mit 10.000 Radsportfans den Sportpalastwalzer mit: „Düdel-Lüdel-Lüdel-Lütt - Pft-Pft-Pft-Pft !“ Ich denke, nicht nur für mich, sondern auch für die junge Bundesrepublik und die sog. „Frontstadt Berlin“ waren dies die wichtigsten, die prägendsten Jahre, und ich bin glücklich, hierbei Zeitzeuge gewesen zu sein. Die straps-gehaltenen Kinderkniestrümpfe irgendwann gegen Nietenhosen und Lederjacke einzutauschen, in einer politisch hochbrisanten Zeit aufzuwachsen und dann schließlich doch ungeschoren davonzukommen, das ist Grund genug für mich für uns alle dem Schicksal dankbar zu sein. Wir waren nahe dran am „heißen“ Krieg der „kalte“ jedenfalls hat uns letztlich den Frieden seit nunmehr sechzig Jahren erhalten. Bloß schade, dass es das PANJE an der Baerwaldstraße längst nicht mehr gibt. „Macht nischt, Willi! Jeh’n wa eben in’n Böcklerpark Tischtennis spielen...!“ Harald Muranka (e-Mail) |
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